Die gruene Fee im Regal des Supermarktes

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publiziert auf 1001-Rezept vor 14 Jahren
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Nach fast hundertjaehrigem Verbot wird im Val-de-Travers wieder ganz legal Absinth gebrannt. Spaete Genugtuung fuer eine regionale Spezialitaet oder Tod einer Legende? :Die Todesanzeige erschien nur in der Lokalzeitung. Die Liebhaber der wahren Tradition, die Freunde der Traeume und der Feen, die Hueter der wahren Moral des Val-de-Travers, die Gegner schnoeder Spekulationen und fader Kopien gaben darin den Tod von Madame Blanche Laverte, geborene Absinth, bekannt. Die alte Dame, die waehrend Jahrzehnten sehr zurueckgezogen gelebt und nur noch ihre engsten Freunde empfangen habe, sei am 6. Dezember an den Folgen der Gewinnsucht gestorben. :Denn seit dem 6. Dezember darf Yves Kuebler, Nachkomme einer alten Schnapsbrennerfamilie aus Motiers, mit dem offiziellen Segen des Kantons Neuenburg, seinen 'extrait d'absinthe' herstellen. Ein paar Tausend Liter des nach traditionellem Rezept aus verschiedenen Kraeutern hergestellten Getraenkes sind zwei Wochen spaeter bis auf den letzten Tropfen verkauft. Besonders gross ist die Nachfrage in der Deutschschweiz. Bei einem Besuch in Kueblers Buero laeutet staendig das Telefon: Wo ist der neue Absinth erhaeltlich? Wann kommt endlich die naechste Lieferung? - Kuebler verbirgt seinen Stolz nicht: 'Geschmack und Farbe unseres Produktes entsprechen der gruenen Fee.' :Doch streng nach Gesetz handelt es sich bei diesem neuen Aperitif nicht um Absinth, wie der Kantonschemiker Marc Treboux ausfuehrt: 'Es enthaelt kaum nachweisbare Spuren der psychoaktiven Substanz Thujon und nur 45 Prozent Alkohol.' Somit faellt es nicht unter das Absinthverbot, das seit der Revision der Bundesverfassung 1999 einzig im Lebensmittelgesetz uebrig geblieben ist. Interessant ist, dass gemaess Treboux auch im schwarz gebrannten Absinth keine hoeheren Thujonwerte zu finden seien, was damit zusammenhaenge, dass heute meist nur noch getrocknete Kraeuter verwendet wuerden. Illegal bleibt also selbst bei der 'clandestine' einzig der hohe Alkohogehalt (ueber 50 Prozent) - und die Tatsache, dass nicht bewilligte Destillierapparate verwendet werden. :Merkwuerdiger Geschmack :Nicolas Giger, der jedes Jahr im Juni im benachbarten Boveresse eine 'fete de l'absinthe' organisiert, kommt auch ohne chemische Analyse zum Schluss, dass Kueblers neustes Produkt mit Absinth nicht viel zu tun habe: 'Es hat einen merkwuerdigen Beigeschmack, ein bisschen, wie wenn man sich eine Tauchermaske uebers Gesicht zieht.' Noch entschiedener faellt das Urteil von Pierre-Andre Delachaux aus, passionierter Absinthforscher und Konservator des Regionalmuseums in Motiers: 'C'est de la merde.' Der Verfasser mehrerer historischer Studien ueber die sagenumwobene 'fee verte', ihrer Farbe beim Zugiessen von Wasser wegen auch 'la bleue' oder 'le petit lait' genannt, ist auf Kuebler schlecht zu sprechen: 'Er hat seine Seele verkauft. Hat mit seinem im Supermarkt erhaeltlichen Allerweltsgebraeu den Absinth ein zweites Mal ermordet.' :Denn fuer Delachaux ist heute erwiesen, dass das Absinthverbot von 1910 das Resultat eines politischen Komplottes war. Weinbauern und Schnapsbrenner wollten sich der populaeren und preiswerten Konkurrenz entledigen. Unterstuetzt wurden sie vom Blauen Kreuz und allerlei Moralaposteln, die im legendaeren Getraenk der Pariser Boheme eine Gefahr fuer die oeffentliche Ordnung sahen. Als Beweis galt nicht zuletzt, dass immer mehr Damen auf den Geschmack kamen, im Wirtshaus 'der blauen Stunde' zu froenen, statt sich sittsam um ihren Haushalt zu kuemmern. Um die Oeffentlichkeit zu ueberzeugen, wurde ein Familiendrama im Waadtland instrumentalisiert, wo ein Mann im Vollrausch Frau und Kinder umbrachte. Die Graeueltat wurde dem 'verrueckt machenden' Absinth angelastet, obwohl der Mann ein notorischer Weissweintrinker war. Wie schaedlich das im Grossen Wermutkraut vorhandene halluzinogene Thujon wirklich ist, wurde nicht serioes untersucht. :Bedrohte Rezepte :Durch das Verbot verlor das Val-deTravers, wo zu Beginn des Jahrhunderts fuenfzehn Destillerien Absinth brannten und in alle Welt verkauften, auf einen Schlag 300 Arbeitsplaetze. Damals erschien die erste Todesanzeige von Madame Blanche Laverte. Und gleichzeitig wurde beschlossen, im Geheimen weiterzumachen. Heute wird die Anzahl der Schwarzbrenner auf ungefaehr 80 geschaetzt. Fuer Delachaux sind sie 'Widerstandskaempfer', von denen ein jeder ein sorgfaeltig ueberliefertes Rezept mit bis zu 15 verschiedenen Kraeutern huete. Diesen kulturellen Reichtum sieht er durch das ohne Anstrengung erhaeltliche neue Produkt in Gefahr: 'Bisher musste man sich den Absinth verdienen. Musste wissen, wo und bei wem anklopfen. Konnte ihn nicht trinken, ohne an seiner Legende weiterzuspinnen.' : Nicolas Giger jedoch kann dem 'koffeinfreien Absinth' auch eine gute Seite abgewinnen. Seit diesem Jahr ist in der EU Absinth mit begrenztem Thujonwert - da streng genommen von Gesetzes wegen kein Absinth - wieder zugelassen. Noch im. Dezember sollte im nahen Pontarlier ein solches Produkt auf den Markt kommen: 'Da ist es doch besser, jemand hier aus dem Tal, wo der wahre Absinth herkommt, sei ihnen zuvorgekommen', sagt Giger. Auch der Neuenburger Kantonschemiker Marc Treboux argumentiert in die gleiche Richtung: 'Wir haben das Gesetz liberal interpretiert. Denn das entspricht dem Willen des Bundesrates, unsere Gesetzgebung im Bereich der Lebensmittel europakompatibel zu machen.' : Selbst die Aufhebung des noch bestehenden Verbotes scheint seit dem 6. Dezember nicht mehr unmoeglich - sie wuerde es erlauben, den wahren, ueber 50-prozentigen Absinth durch eine 'appellation d'origine controelee' zu schuetzen. Delachaux kann auch dieser Aussicht nichts Positives abgewinnen: 'Hoechstens zwei, drei Absinthbrenner bekaemen vom Bund eine Konzession. Die uebrigen waeren zum Untergang verdammt, der stille Widerstand einer ganzen Region waere gebrochen.' Yves Kuebler hat fuer solche Argumente nur Spott uebrig: 'Es gibt einfach Leute, die leben in der Vergangenheit und verkennen die wirtschaftliche Realitaet.'

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